| Um es gleich vorweg zu sagen: dieser Aufsatz ist keine Werbehymne für
irgendein neues Geriatrikum, sondern ein Plädoyer für ein fröhliches,
lebensbejahendes Altwerden - ohne überflüssige Medikamentenschluckerei.
Wie sieht es denn in der Praxis aus ? Da kommt ein Mensch, jenseits der Pensionierung, vielfältig vorbehandelt, aber offenbar unzufrieden, denn wäre alles eitel Sonnenschein, bliebe er ja seinem Hausarzt treu. In der Linken trägt er eine Einkaufsplastiktüte voller Medikamente. Er weiß, zur Anamnese gehört ganz dringlich die Aufnahme und Bewertung der Vormedikation. Das allerdings setzt voraus, daß der neue Behandler sich intensiv mit den pharmakologischen Wirkprinzipien der in der Nachbarschaft regelmäßig verordneten Arzneien auseinandergesetzt hat. Nun schüttet der neue Patient seine Tüte auf dem Schreibtisch aus: ein Denkmal seines Leidensweges. Zum Vorschein kommen mindestens sieben, meist auch mehr verschiedene Medikamente, darunter zwei Kunstfehler und einige, die sich gegenseitig beißen. Unter den ebenfalls mindestens sieben Vordiagnosen, die sich aus der Medikation ablesen lassen, fehlt aber eine: die iatrogene (vom Arzt erzeugte) Krankheit, nämlich die Minderung der Lebensqualität durch überflüssige, sinnlose, oft gar schädliche Arznei. Siebzig zu sein, bedeutet nicht zwingend, auch krank zu sein, oder gar multimorbid. Wohl aber bringt das höhere Lebensalter einige Funktionsänderungen mit sich, auf einigen Gebieten eine Minderung der Leistungsfähigkeit, auf anderen jedoch eine Vermehrung. Oder zählt etwa der Zuwachs an Reife, an Weisheit, an Lebenserfahrung nichts ? So verringert sich die zerebrale Zirkulation auf etwa 80% gegenüber dem Dreißigjährigen, die maximale Herzfrequenz auf etwa 60%, die maximale Sauerstoffaufnahme auf etwa 40%, die Geschwindigkeit der pH-Regulation auf etwa 20% und die Menge der Thymushormone im Plasma auf etwa 0%. Nur: wann nutzen wir denn die m a x i m a l e Herzfrequenz ? In meiner Hobby-Pferdezucht belächeln wir die jungen Muskelhelden, die beim Heu-Laden mit Schwung und Elan beginnen, beim zwölften Ballen aber in die Knie gehen, und ich bewundere immer wieder den 70jährigen herzinsuffizienten Rentner, der die Sache langsam angehen läßt, bis zum Mittag aber mehr Ballen auf den Boden gestakt hat, als die Jünglinge. Zwei Fragen tauchen auf: Macht die Therapie der Minderleistungen überhaupt einen Sinn ? Und noch wichtiger: Macht die derzeit übliche Therapie dieser Minderleistungen einen Sinn - oder stiftet sie gar Schaden ? Wie sieht denn die übliche Therapie eines 70jährigen aus ?
Er bekommt durch die Bank
Arthrosen
Sinnvoll hingegen sind Wärmeanwendungen jeder Art, weil sie die reaktiven Muskelverspannungen lösen. Sinnvoll ist auch ein Lernprozeß, der schmerzvermeidende Bewegungsabläufe einübt. Die Eitelkeit sollte einem Spazierstock nicht im Wege sein. Bei fortgeschrittenen Arthrosen haben sich mir Chondroprotektiva (Arteparon), intrartikulär gespritzt, sehr bewährt. Die zuständige Aufbereitungskommission im Nachzulassungsverfahren ist anderer Meinung, sie hält Chondroprotektiva für nutzlos, und es kann sein, daß beim Erscheinen dieses Aufsatzes eine Nutzen-Risiko-Abwägung diese Gruppe bereits vom Markt gefegt hat. Im Endstadium kann eine Endoprothese hilfreich sein. Gicht
AIlopurinol, der obligatorische Hamsäuresenker, wird vom nichtenzymatischen Labortest fälschlicherweise mit als Hamsäure erfaßt und täuscht so durch die Therapie einen Therapiebedarf vor. Ein erhöhter Hamsäurespiegel braucht lange Zeit, um schließlich zu schmerzhaften Gichtknoten zu führen. Beim jungen Menschen macht die phytotherapeutische Harnsäureausschwemmung darum auch einen Sinn. Beim alten Menschen ist der erhöhte Hamsäurespiegel ohne große Bedeutung. Wenn er bis dahin nicht zur schmerzhaften Gicht geführt hat, wird er es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit in der verbleibenden Zeit auch nicht mehr tun. Regelmäßige Medikamenteneinnahme und regelmäßige Blutkontrollen sind darum überflüssig. Lipide
Hochdruck
Zudem hemmen Betablocker die Reaktionsfähigkeit, Kreativität, Initiative, Lebenslust, Potenz und Herzmuskelkraft. Und damit sind die nächsten vier Medikamente aus der Aufzählung schon vorprogrammiert. Herzinsuffizienz
In letzter Zeit ersetzen immer mehr Ärzte die Digitalistherapie durch Diuretika, um so das Herz von zu bewegenden Flüssigkeitsmengen zu entlasten. Bei der Insuffizienz mit Lungenoedem mag das sinnvoll sein. Ansonsten aber wird hier eine kurzfristige Erleichterung mit einer langfristigen Verschlechterung erkauft. Diuretika schwemmen lebenswichtige Elektrolyte, wie Kalium und Magnesium aus, die wiederum für die Kontraktionskraft und den Rhythmus des Herzens unerläßlich sind. Der Kahummangel wiederum führt zu einem relativen Natriumüberschuß mit neuen Oedemen. Auch hier sollte geprüft werden, ob nach einer Ergänzung der ausgeschwemmten Elemente nicht das Diuretikum entbehrlich ist. Gedächtnis
Das Nachlassen der Lern- und Merkfähigkeit ist nicht abhängig vom Alter sondern von der zeitlichen Entfernung zu jenen Lebensaltern, in denen wir die Lernfähigkeit systematisch trainierten, nämlich der Schulzeit. Mit dem Erreichen der gewünschten beruflichen Abschlüsse stellen die meisten Menschen das Lernen endgültig ein. Viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die bis ins hohe Alter aktiv waren, belegen, daß geistige Beweglichkeit ein Produkt des steten Trainingsprozesses ist. Zur gesunden Lebensweise, die uns bis ins hohe Alter fit halten soll, gehört darum nicht nur die körperliche Bewegung, sondern ebenso, wenn nicht mehr, die geistige Bewegung. Das ist mehr als Kreuzworträtselraten oder Regenbogenpresselesen, das ist auch mehr, als die gewohnte Routinekopfarbeit immer wieder zu verrichten, das heißt, alle paar Jahre etwas völlig neues erlernen. Wirklich erlernen, von Grund auf, mit Auswendiglernen, Erfolgskontrolle, Nutzanwendung, so wie der Schüler oder Student. Und wenn man diese Fähigkeit stets übt, bleibt sie auch dem alten Menschen erhalten. Und das kurze Gedächtnis bei den banalen Besorgungen des täglichen Lebens ? Wie alt sind denn Sie ? Und kommen Sie ohne Notizblock am Telefon aus ? Und können Sie nach 10 Minuten Tagesschau alle weltbewegenden Ereignisse wiedergeben ? Die Fülle der Ereignisse, der Nachrichten, der Informationen, der Merk"würdigkeiten" und Merknotwendigkeiten ist so groß und kommt in so schneller Folge, daß wir alle Schwierigkeiten haben, uns die Dinge wirklich einzuprägen, die zwar nicht fürs Leben, aber für den heutigen Tag von Bedeutung sind. Das ist gar kein Altersproblem. Redet mir dem Alten kein schlechtes Gewissen ein, weil er den gleichen Notizblock braucht, wie wir. Und schon gar nicht kann ein Medikament das Lerntraining ersetzen, beim Alten sowenig wie beim Kind. Vitalität
Abgesehen davon, daß diese Medikamente bei älteren Menschen oft völlig paradoxe Effekte entfalten, ist dieses Prinzip das denkbar schlechteste. Helfen Sie dem alten Menschen, neue Lebensinhalte zu finden, ihn an andere Menschen und Aufgaben heranzuführen, wecken Sie seine Initiative, etwas Neues zu tun. Zeigen Sie ihm, wo die Volkshochschule und die Stadtbücherei ist, der Kirchenchor oder der Kaninchenzüchterverein, das Parteibüro oder die grauen Panther, bitte nur nicht die Altentagesstätte, die ihn im Ghetto der Abgeschobenen einmauert. Schlaflosigkeit
Allenfalls eine Dysthyreose kann therapiebedürftig sein. Nicht selten ist ein Noradrenalinmangel auch die Ursache für schlechten Schlaf, insbesondere bei Patienten, die adrenolytisch vorbehandelt sind, oder bei denen die nächtliche Hypotonie im Gegensatz zur Tageshypertonie die zerebrale Durchblutung erheblich beeinträchtigt. Hier kann - so paradox das klingt - ein leichtes blutdrucksteigerndes Medikament vor dem Schlafengehen Wunder wirken. Alterszucker
Ernährung
Auch Abführmittel sind in der Regel entbehrlich, wollte der Patient doch nur lernen, daß Stuhlgang mit Arbeit verbunden ist. Die unter Laxantienmißbrauch verkümmerte und durch den ebenfalls Laxantien-bedingten Kaliummangel zudem träge gewordene Preßmuskulatur muß erst wieder trainiert werden. Und die nun nicht mehr breiige, sondern feste Stuhlwalze tut zwar in der ersten Woche den Hämorrhoiden weh, trägt aber dazu bei, sie zu entleeren. Im übrigen muß der Darm nicht täglich entleert werden, jeder zweite oder dritte Tag ist auch genug. Mit Verboten sollten wir sparsam sein. Das Essen, wenn's denn schmeckt und nicht gar zu unvernünftig ist, ist eine der wenigen Freuden, die den eintönigen Tagesablauf der meisten Alten unterbrechen. Und es gibt wenig diätetische Verbote, die sinnvoll und fundiert sind. Beim alten Patienten noch weniger, als beim jungen, denn ernährungsmäßige Spätschäden brauchen ihre Zeit, die dem Alten meist gar nicht mehr gegeben ist. Auch ist zu unterscheiden zwischen Diätfehlern, für die am nächsten Tag in Form von vermehrten Blähungen die Zeche gezahlt wird, und solchen, die in der Tat ernste Schäden nach sich ziehen, wie zum Bei spiel der Zuckermißbrauch beim wirklichen Diabetiker oder der Alkohol bei der Leberzirrhose. Wichtiger als das, was der Patient nicht essen soll, ist das, was er essen soll, nämlich eine abwechslungsreiche Vollwertkost, aus der die lebenswichtigen Vitamine und Mineralien nicht ent"veredelt" wurden. Dann ist die Ergänzung von Vitaminen und Mineralien auch nicht oder allenfalls im Ausnahmefall erforderlich. Krankheit
Wo aber wirklich Krankheit vorliegt, muß natürlich entsprechend therapiert werden. Und hier schlägt unsere Medizin plötzlich einen Haken. Was bei jungen Menschen ganz selbstverständlich sorgfältig abgeklärt und behandelt wird, mutet man dem Alten als altersbedingt zu tragen zu. Beispiel: Die Bandscheibendegeneration ist physiologisch, der Vorfall bedarf der Therapie. Die verbreitete Scheu des älteren Patienten vor chirurgischen Eingriffen ist kaum noch begründet. Auf dem Operationstisch ist er fast sicherer als beim Überqueren der Straße. Nicht ganz so gut im Griff allerdings hat man das Problem der Hospitalinfektion mit antibiotikarestistenten Keimen. Darum erfordert auch jede geplante Maßnahme ein sorgfältiges Abwägen der Riskiken und Belastungen gegen den erwarteten Nutzen. Das gilt für Eingriffe ebenso wie für Medikamente. Die Diagnose ,,Krebs" muß nicht zwingend zum Messer führen. Sie muß auch nicht zwingend den Patienten in Panik und Ängste stürzen. Das relativierende Gespräch und die sachkundige Führung fehlt dem Patienten, der sich überall ausweichenden Beschwichtigungen gegenüber sieht. Es ist eine dankbare Aufgabe, ihm deutlich zu machen, daß tumorige Veränderungen keineswegs immer bösartig sein müssen, und daß man oft lange mit ihnen leben kann, vielleicht länger, als einem aus anderen Gründen beschieden ist. Alten Krebspatienten rate ich eigentlich nur noch dann zur Operation, wenn der Tumor auch wirklich ernsthafte Beschwerden macht, aber nicht allein, weil er mehr oder weniger zufällig diagnostiziert wurde. Ausklang
Auf jeden Fall wünsche ich mir statt der Tablettenschale auf dem Frühstückstisch einen Blumenstrauß und ein freundliches Lächeln, ein Stückchen Zweisamkeit statt der tödlichen Einsamkeit, den notwendigen Streß eines Pf lichtenkreises und hin und wieder den Anruf unserer Fachzeitung: "Wann liefern Sie Ihr Manuskript ab ?" |
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Jörgensen
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