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Die Schwierigkeit der richtigen Gewichtung beginnt mit der
Namensgebung: Nennen wir das Erscheinungsbild "chronische Müdigkeit"
nimmt keiner es ernst, nennen wir es "Myalgische Enzophalomyelitis"
bricht Panik aus. In der Tat hat das chronische Erschöpfungssyndrom
viele Namen. CMS vom chronischen Müdigkeitssyndrom oder englisch CFS
vom Chronic Fatigue Syndrom (chronisches Erschöpfungssyndrom) über
die Myalgische Enzephalopathie bis zur Enzephalomyelitis oder dem
Immune Dysfunction Syndrom (IDS). In der internationalen
Klassifikation der Diagnosen steht es mit dem Schlüssel G93,3 unter
"sonstige Nervenerkrankungen".
Im Mittelpunkt des Beschwerdebildes steht die Erschöpfung oder
schnelle Erschöpfbarkeit. Drum herum rankt sich ein buntes Bild von
Nebensymptomen, die alle dabei sein können, aber nicht müssen, die
auch ganz andere Ursachen haben können oder einfach wegen der
desolaten Stimmungslage verstärkt wahrgenommen werden.
Selbsthilfegruppen für Patienten wie wissenschaftliche
Studiengruppen drängen darauf, das Bild als ernste Erkrankung zu
präzisieren. Aber wie immer wir das Kind nennen, es ist weder
eindeutig definiert noch gibt es sichere diagnostische Merkmale wie
Messergebnisse oder Laborbefunde. Das führt dazu, dass manch Patient
in diese Schublade gesteckt wird, dessen richtige Diagnose darüber
dann verabsäumt wird. Das führt auch dazu, dass manch Therapeut sich
selbst zum Experten befördert und damit für regen Zulauf sorgt,
indem er jedwede Misshelligkeit zur "Krankheit" macht und sich eine
goldene Nase damit verdient.
In der Tat: jede "neue" Krankheit, insbesondere in dem schwer
fassbaren Bereich zwischen körperlichen und psychischen Symptomen,
nimmt mit Windeseile zu, je mehr darüber in den Fachblättern
geschrieben wird. Schließlich passt das bunte Bild der Teilsymptome
irgendwie fast auf jeden. Und bei der chronischen Erschöpfbarkeit
stellt sich die kritische Frage: nimmt die Belastung in unserer
Gesellschaft so sehr zu, oder ist die Belastbarkeit so sehr
gesunken, oder werden nur vermehrt normale Tiefphasen der
Lebensfreude und -kraft zur neuen Krankheit hochstilisiert?
Eine klare Abgrenzung zu Krankheitsbildern, die sich ähnlich oder
gleich zeigen, wie das "Burn out Syndrom" des Erfolgreichen, die
Depression, die wir mit vielen angeblichen Heilmitteln erst so
richtig festzimmern und dem fragwürdigen ADHS der Kinder gibt es
nicht. Auch die Fibromyalgie, bei der Muskeln und Bindegewebe immer
schmerzhaft scheinen, gehört in die Kiste jener Krankheiten, über
deren wirklicher oder nur diagnostizierten Häufigkeit sich trefflich
spekulieren lässt. Nicht anders ist es beim MCS (Multiple Chemical
Syndrom), nicht CMS, also der Vorstellung, erst die Summe vieler
toxischer Substanzen mache krank, auch wenn jede einzelne noch im
erlaubten Bereich liegt
Wenn wir kritisch an die Diagnose CFS herangehen, bleibt von der
Vielzahl der so eingestuften Patienten ein relativ kleiner harter
Kern, bei dem tatsächlich das Zusammenspiel zwischen
Immunsystem,
Nervensystem
und
Hormonsystem
aus der Balance geraten ist. Dadurch kann es zu einer dauerhaften
Aktivierung des Immunsystems mit Erschöpfungszuständen,
Muskel-
und
Gelenkschmerzen sowie Störungen der Temperaturregulierung
kommen.
Beim Großteil der in der falschen Schublade steckenden Patienten
gilt es jedoch, gründlich nach den Ursachen oder dahinter steckenden
Krankheiten und Stoffwechselstörungen zu fahnden. Ich erinnere mich
sehr gut an eigene chronische Müdigkeitsanfälle am Arbeitsplatz in
meinen jungen Jahren. Aber die bedurften keiner besonderen
diagnostischen Fähigkeit, sie fanden ihre Erklärung in den
vorangegangenen Nächten. Ich will damit deutlich machen, dass in
vielen Fällen eine Umstellung der Lebensgewohnheiten schon hilfreich
sein kann.
Schwere Infektionskrankheiten und zehrende Krebserkrankungen lassen
sich meist schnell abklären. Schwieriger wird es schon bei einigen
Nervenerkrankungen, die sich über Jahre schleichend entwickeln, wie
Multiple
Sklerose,
Myasthenia
gravis oder die
Parkinson-Krankheit. Gezielte Blutuntersuchungen können
hormonelle Krankheiten oder Stoffwechselstörungen aufdecken, wie
Hepatitis,
Diabetes
Mellitus,
Morbus
Addison oder die
Zöliakie.
Obwohl sie diagnostisch kein Problem sein sollten werden
Allerweltskrankheiten, wie die Blutarmut und der niedrige Blutdruck
häufig übersehen oder außer Acht gelassen. Eine Blutarmut verringert
die Sauerstoffversorgung überall im Körper und setzt damit die
Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten deutlich herab. Oft wird sie
auch falsch behandelt, z.B. blindlings mit Eisenpräparaten, obwohl
ein oder zwei Vitamin-B12-Spritzen angebracht wären. Das kann auch
der Laie schnell aus dem Blutbild ablesen. Fehlt das Vitamin B12 ist
bei ausreichender Eisen- und Hämoglobinmenge die Bildung von roten
Blutkörperchen behindert. Es gibt zwar große aber zu wenig
Blutkörperchen, und da der Sauerstoff an deren Oberfläche
transportiert wird, ist wiederum die Sauerstoffversorgung
vermindert. Alte Mathematikregel: viele kleine Körper haben bei
gleichem Gesamtvolumen eine größere Oberfläche als wenig große. Der
MCH-Wert im Blutbild gibt Auskunft: Faustregel: ist er größer als 30
pg, dann B12, ist er kleiner, dann Eisen.
Ein leidiges Problem ist der Blutdruck. Der klassische Hypotoniker,
der mit dem niedrigen Blutdruck, tut sich morgens schwer, aus dem
Bett zu kommen. Dann steht er vor dem Rasierspiegel und trägt sich
mit Suizidgedanken, und erst nach dem Frühstück erwacht er langsam
zum Leben. Schlanke, ranke Asthenikertypen sind häufiger betroffen.
Die sinnvolle Mobilisierungstherapie, kalte Dusche und Waldlauf,
packt er nicht, am liebsten möchte er weiter schlafen. Und hier
beißt sich die Schlange in den eigenen Schwanz. Im Schlaf kocht der
Körper auf Sparflamme und fährt alle Lebensvorgänge herunter. Gibt
der Hypotoniker seinem Verlangen nach, schläft er sich immer mehr in
die Antriebslosigkeit hinein und findet sich flugs in der
CFS-Schublade wieder.
Ich kann nicht umhin, an der Stelle darauf hinzuweisen, dass auch
der Hochdruckpatient die Symptome des zu niedrigen Blutdrucks
aufweisen kann, nämlich immer dann, wenn der Blutdruck für die
derzeitigen Bedürfnisse des Körpers nicht hoch genug ist, z.B. weil
das Herz zu schwach ist, um die nötige Pumpleistung zu erbringen,
oder weil zu heftig und abrupt der Blutdruck gesenkt wurde. Viele
Blutdrucksenker, insbesondere sogenannte Betablocker, reduzieren die
Lebenskraft, Kreativität und Aktivität. Darum gehört es zur
Diagnostik und Therapie des CFS, die Medikamenteneinnahme zu sichten
und notfalls neu zu ordnen.
Auch Mangelerscheinungen können die Schaffenskraft ausbremsen. Die
vor hundert Jahren berechtigte Furcht vor Vitaminmängeln wird heute
noch eifrig von den Herstellern von Vitaminpillen,
Nahrungsergänzungen und angereicherten Lebensmitteln gepflegt, dient
aber mehr dem Geschäft als dem Patienten. Vitaminmängel haben heute
Seltenheitswert. In diesem Punkt ist unsere Ernährung nicht
schlechter sondern besser geworden, auch wenn es rundum anders aus
der Werbung schallt.
Eher gibt es Probleme in der Versorgung mit den lebenswichtigen
Mineralien und Spurenelementen, die unter anderen der Oldenburger
Arzt Dr. Schüßler vor 135 Jahren als Funktionsmittel in die Medizin
einführte. Hier können manchmal kleine Mängel des einen Minerals
große Mangelerscheinungen eines anderen Minerals auslösen. Das
erklärt auch, warum mit den winzigen Mengen der homöopathisch
aufbereiteten Schüßlersalze oft ebenso tolle Ergebnisse erzielt
werden, wie mit hoch dosierten schulmedizinischen Produkten.
Und dann haben wir die große Masse der psychisch angeschlagenen
Patienten, die mit und ohne Grund mit sich, ihrer Umwelt und ihren
Lebensbedingungen nicht zufrieden sind, krampfhaft nach Hilfe
suchen, oft mit Psychopharmaka abgespeist und eingelullt werden, und
schließlich dankbar für eine einleuchtende Erklärung durch die neue
Diagnose CFS sind. Sie brauchen meist weniger Pillen, dafür
Beistand, Rat, Hilfe zur Lebensführung und -ordnung. Die muss nicht
einmal immer vom Arzt oder Heilpraktiker kommen. das kann auch der
Rechtsanwalt, Eheberater, Mietberater, der Mensch von der
Arbeitsagentur oder auch der Geistliche sein.
Besonders betroffen sind Frauen in oder am Rande der Wechseljahre.
Hier kommen die körperlichen Belastungen der Hormonumstellung, die
oft auch mit Über- oder Unterfunktionen der Schilddrüse, unserem
Fluchtorgan, einhergehen, zusammen mit der unerlaubten Frage nach
dem Sinn des Lebens, wo doch nun der Zenit überschritten ist. Und
wenn dann auch noch die begründete oder unbegründete Angst hinzu
kommt, der Partner könne sich nach einer Jüngeren umsehen, liegt die
Flucht in die Krankheit, wie immer sie heißen mag, nahe. Aber sie
hilft nicht, im Gegenteil…!
Flucht vor der rauen Wirklichkeit des Alltages mit allem Stress und
allen Belastungen verführt dazu, sich ins Schneckenhaus
zurückzuziehen. Die Diagnose CFS kann ein solcher
Schneckenhaus-Panzer sein. Mag sein, dass der Alltag ein Weilchen
draußen bleibt, aber wen treffe ich im Schneckenhaus? Mich selbst!
Niemand kann vor sich selbst weglaufen, weder in den Urlaub noch in
die Krankheit. Wenn also sichergestellt ist, dass weder böse Viren
noch zehrende Krankheiten am Werk sind, muss das Verhältnis zur
Umwelt neu geordnet werden. Drei Ansatzpunkte bieten sich an.
Erstens die Veränderung der Umwelt, und da sie sich sehr beharrlich
widersetzt bleibt nur das Durchbrennen mit dem italienischen
Oberkellner in sein Abruzzendorf - um sehr schnell zu erkennen, dass
die Probleme zwar anders aber nicht kleiner geworden sind. Zweitens
das Abschirmen mit Beruhigungsmitteln oder Psychopharmaka, wodurch
die Fähigkeit, die Ärgernisse der Umwelt zu verkraften, immer
geringer wird. Da bleibt nur der dritte Weg, eben diese Fähigkeit zu
erlernen und zu trainieren.
Ich behaupte nicht, das sei leicht. Aber es ist unerlässlich und es
ist möglich. Erlauben Sie mir einen sehr persönlichen Schlusssatz:
Vor knapp einem Jahr gaben die Ärzte nach einem Unfall mit
Folgekrankheit keinen müden Heller mehr für mich. Kooperativ haben
die moderne Medizin und die Naturheilkunde mich von Gevatter Heins
Schippe springen lassen. Zwar nicht gleich auf die eigenen Beine,
sondern zunächst in den Rollstuhl, aus dem ich inzwischen wiederum
heraus geklettert bin. Inzwischen schaffe ist es sogar, ein Stunde
am Stück und am Mikrophon zu stehen, um diesen Aufsatz auch als
Vortrag zu halten. Macht Ihnen das nicht Mut?
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