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| von Hans-Heinrich Jörgensen
Das Sekundenphänomen gilt gemeinhin als die Krone der Neuraltherapie. Zugleich aber ist sie ihre Achillesferse. Sie erinnern sich der griechischen Mythologie: Achilles ging durch den Pfeil des Paris an seiner verwundbaren Ferse zugrunde. Der Pfeil, der die Neuraltherapie verwunden kann, kommt allerdings nicht von Paris, sondern aus Berlin. Die Krone war schon immer eine unbequeme Kopfbedeckung. Je glänzender, desto mehr inspirierte sie Neider und Gegner. Manch Haupt mußte rollen, nur der Neider wegen. Vielleicht wäre auch die Neuraltherapie gut beraten, wenn sie etwas weniger ihre Krone putzen würde, sondern statt dessen etwas mehr die Stiefel. Sie hätte dann möglicherweise keine wundgelaufenen Hacken, sprich Achillesfersen. Ich will damit ausdrucken, daß wir etwas weniger hochtrabend, schwärmerisch von unseren Sekundenphänomenen jubeln sollten, und statt dessen etwas nüchterner pragmatische reelle Handwerksarbeit leisten sollten. Ich bin durch und durch ein Pragmatiker, für einen Heilpraktiker vielleicht manchmal sogar etwas zu sehr. Aber lassen Sie mich, auch auf die Gefahr in, als Nestbeschmutzer zu gelten, hier einmal bekennen, daß ich keineswegs an alle kolportierten Sekundenphänomene glaube. Die Väter der Neuraltherapie, die Brüder Huneke, haben 16
Jahre lang Heilanästhesie betrieben, ehe sie ihr erstes Sekundenphänomen
erlebten. Manche Schüler sind da besser als die Meister, sie beschreiben
ständig welche. Ich werde den Verdacht nicht los, daß manch
Schüler sich im Zugzwang wähnt und deswegen normale und schöne
neuraltherapeutische Erfolge etwas hoch ansiedelt.
Dieses setzt voraus, daß
Beachten Sie bitte, daß diese Definition sich ganz wesentlich von der im Dosch'schen Lehrbuch unterscheidet. Dort wird die völlige Symptomlosigkeit für 20 Stunden, im Zahnbereich für 8 Stunden verlangt. Mir ist nie so ganz klar geworden, warum dem Störfeld Zahn diese mildernden Umstände zugebilligt werden. Wichtiger als eine doch recht willkürliche Zeitbestimmung scheint mir die deutliche Unterscheidung zum reinen Anaesthesie-Effekt zu sein. Sie erscheint mir logischer - und vor allem strenger. Ich betreibe jetzt 25 Jahre Neuraltherapie, aber Sekundenphänomene sind nicht mein täglich Brot. Sie bleiben Schlaglichter, Sternstunden. Zu den Sternen geht es bekanntlich auf rauhen Wegen -Ich zitiere das kollegialerweise auf deutsch - also heißt es doch, die Stiefel gut fetten. Theoretischer Unterbau
Warum denn überhaupt erklären, werden Sie fragen. Nun, um des Patienten willen, und um der Sache willen. Um des Patienten willen, weil er bei einer nicht ,,wissenschaftlich allgemein anerkannten" Therapie aller Ansprüche an seine Krankenkasse und evt. Beihilfestelle verlustig geht. Er muß Ihr Bemühen voll aus der eigenen Tasche finanzieren. Wenn wir es ernst meine, mit unserer Fürsorge, sollten wir dem Patienten nicht nur den störfeldbedingten Kopfschmerz mit der Procain-Injektion nehmen, sondern auch den Kopfschmerz, den ihm die Sorge um Ihre nicht erstattungsfähige Rechnung bereitet. Dazu bedarf es der ,,wissenschaftlichen Anerkennung". Und um der Sache willen. Es wäre der Sache dienlicher, wenn wir Außenseiter - hier wir Neuraltherapeuten - aus dem selbstgebauten Gefängnis der Esoterik herauskämen und uns der allgemeinen Fachdiskussion stellen wurden. Aher dann müssen wir auch die Sprache der Fachdiskutanten sprechen, sonst bleiben wir unverstanden. Auch das ist Überheblichkeit und Ignoranz: den anderen Ignoranz vorzuwerfen, - und: sie würden uns nicht verstehen, weil sie uns nicht verstehen wollen. Wir sollten uns fragen: "Tun wir denn alles, um verstanden zu werden - und um zu verstehen?" Der Marsch durch die Institutionen war noch nie einfach - darum die gut gefetteten Stiefel. Doch zurück zum Kopf - auch ohne Krone. Es hat ja in den 60 Jahren Neuraltherapie - eigentlich sind es auch schon 80 - verschiedene Erklärungsversuche gegeben, die alle auch gar nicht einmal so sehr verkehrt waren. Sie krankten nur daran, daß wir sie zu wörtlich nahmen und zu vehement gegen alle Kritik verteidigten und darüber verabsäumten, weitergehende Erkenntnisse der Medizin zur Kenntnis zu nehmen und in unser, von diesem Erklärungsversuch geprägtes, Bild einzubauen. Historische Modelle
Ich denke auch an Pischinger mit seiner Idee vom Zellmilieu und der Grundregulation und der dadurch funktionierenden - oder im Stöffall eben nicht mehr funktionierenden - Kommunikation der Zellen untereinander. Wir nennen das heute Elektrolytgleich gewicht, Ruhepotential, Aktionspotential und wir kennen die Gewebshormone und Rezeptoren, die solche Kommunikation auf synaptischem Wege bewirken. Aber eine historische Idee wird ja nicht falsch dadurch, daß wir inzwischen dank Dünnschicht- und Säulenchromatografie diese Transmitter identifizieren und benennen können, die Pischinger entsprechend den damaligen analytischen Methoden etwas unspezifischer als Zellmilieu bezeichnete. Aber wir müssen diese neuen Methoden und Erkenntnisse auch zur Kenntnis nehmen und in unser Gedankengebäude einbauen, wenn wir nicht im Elfenbeinturm der Außenseiterei eingemauert bleiben wollen. Synapsen
Und jede Nervenzelle wiederum verzweigt sich mit dem Neuriten, dem langen Ausläufer, in viele tausend Äste, die jeder in einem synaptischen Endknöpfchen enden. Diese Endknöpfchen wiederum bedecken Körper und kurze Ausläufer anderer Nervenzellen. Divergenz heißt das. Auf diese Weise korrespondiert jede Nervenzelle vieltausendfach, sowohl in Empfänger- wie auch in Senderfunktion, mit den Nachbarzellen. Diese Quervemetzung, Konvergenz und Divergenz, macht das Funktionieren und Dysfunktionieren nervlicher Reiz-Übertragungen so anfällig für Störungen - aber zugleich auch für den neuraltherapeutischen Heilreiz. Im Gegensatz zu dieser Quervernetzung ist die Längsschaltung(!)
einzelner Nervenbahnen einfach und übersichtlich: Der motorische,
efferente Reiz geht von der Großhirnrinde im
Der sensible, afferente Reiz hingegen benutzt längsgeschaltet drei
Neurone:
Wieviel störanfälliger wird das ganze nun durch die vieltausendfache Quervernetzung? Es feuert pausenlos synaptisch auf eine jede Nervenzelle ein. Aber nicht jeder synaptische Impuls löst an der Empfängerzelle ein Aktionspotential aus. Es wäre schrecklich, es wäre das absolute Chaos. Eine im Ruhepotential schlummernde Zelle nimmt die synaptischen Signale einzelner Endknöpfchen zwar wahr, senkt als Reaktion darauf auch etwas sein Ruhepotential ab, aber zum postsynaptischen Aktionspotential kommt es erst, wenn genügend Impulse zusammenkommen. Das ständige Feuern und die damit verbundene Minderung des Ruhepotentials bringt die Empfängerzelle in einen Zustand der Bereitschaft, es bahnt ein Aktionspotential an, löst aber noch keines aus. Darum Bahnung! Erst wenn weitere synaptische Feuer das Ruhepotential unter eine bestimmte Schwelle gedrückt haben, kommt es zum eigenen Aktionspotential der Empfängerzelle, zum EPSP, dem exzitatorischen postsynaptischen Potential. Damit das ganze etwas komplizierter wird: Es gibt nicht nur exzitatorische (erregende) Synapsen, sondern auch inhibitorische (hemmende), die ihrerseits das Ruhepotential stabilisieren, also einer Zellerregung entgegenwirken. Erforderlich für die Auslösung eines postsynaptischen Aktionspotentials ist also eine Mindestanzahl exzitatorischer Impulse, abzüglich der inhibitorischen Impulse, und zwar in räumlicher und zeitlicher Nähe zueinander. Nehmen wir diese Zahl einmal etwas theoretisch mit 1000 Impulsen pro Millisekunde an. Biologische Systeme halten sich natürlich nicht an unser erdachtes metrisches oder Duodenzimalsystem. Diese Zahl schwankt abhängig von Nervenart und -ort und -zustand und anderen Faktoren. Aber 1000/ms kommt der Wirklichkeit ziemlich nahe und unserer eingeschränkten Merkfähigkeit entgegen. Bahnung
Auf diese Weise wird die Fülle der stets und überall entstehenden Reize sinnvoll gefiltert. Der Bahnungsmechanismus wirkt als Erregungsselektion und verhindert, daß unbedeutende Reize unsere zentralnervösen Zentren mit Informationen überfluten und unsinnige vegetative Antworten auslösen. Gleichzeitig jedoch hält die Bahnung das Leitungssystem in einem Zustand permanenter Übermittlungsbereitschaft. Wird die Summe der Nachrichten bedeutsam. muß der Telefonist nicht erst geweckt werden, er reagiert sofort. Und noch etwas: In dem vielgliedrigen Neuronennetz gibt es auch kreisende Erregungen. Synaptische Endknöpfchen einer erregten Zelle liegen dem Soma einer in Leitungsrichtung rückwärts liegenden Nervenzelle auf, die nun befeuert und synaptisch erregt wird. Diese wiederum feuert ihre Signale nach vorn, erneut auf die vor ihr liegende Zelle, von der sie eben erst ihren Impuls - rückwärts gerichtet - bekam. Auf diese Weise werden wichtige Informationen über eine gewisse Zeitspanne erhalten und schließlich als Erregung weitergeleitet. Das ist das Kurzzeitgedächnis. Dieses mächtige Instrument der quervernetzten Erregungsausbreitung,
der Bahnung und der kreisenden Erregung verhindert also unsinnige und überschießende
Reize, es verhindert aber zugleich auch den Untergang wichtiger und notwendiger
Impulse.
Störfelder
Und fließt jetzt der tausendundeinste Reiz in eine kreisende Erregung ein, dann hält er sich auch noch selbst am Leben, wie ein Perpetuum mobile. Er läßt den harmlosen Berührungsreiz zum unerträglichen Schmerz werden, stilisiert das flüchtige Wehwehchen zum nicht enden wollenden Dauerschmerz hoch, wandelt die hypersensible Hautzone in eine cardiale Extrasystole um, inhibiert von der Schulternarbe aus den Leberstoffwechsel...... Der unkontrollierte tausendundeinste Reiz kann von überall herkommen. Ich habe Ihnen die Querschaltung erläutert, um die Verbindung zwischen motorischen, sensiblen und vegetativen Bahnen deutlich zu machen. Auf diesem Weg kann in der Tat die Rachenmandel das Hüftgelenk blockieren, der devitale Zahn das Magengeschwür nähren, die Hühneraugennarbe die Migräne auslösen - ohne logischen anatomischen Zusammenhang, und darum auch so schwer zu begreifen. Die Quelle des tausendundeinsten Reizes ist das Störfeld. Und dies gilt es zu finden. Dann genügt schon ein winziges Tröpfchen Procain, um dieses Störfeld auszuschalten. Ein Sekundenphänomen ist erzeugt. Das ist der wesentliche Unterschied zur Anaesthesie: Wir müssen
nicht tausend synaptische Feuer löschen, sondern nur eines, das tausendundeinste,
jenes, das
Darin liegt die Kunst des Neuraltherapeuten: Nicht ziellos jede Narbe, jede Veränderung mit Procain zu unterfluten, sondern mit Fingerspitzengefühl gerade den Herd ausfindig zu machen, bei dem die winzige Menge Procain genügt, den unerwünschten Schwarzsender stillzulegen. Um einen Schwarzsender zu orten, sind zwei Richtpeilungen erforderlich. So auch beim Störfeld. Peilen Sie es zeitlich und räumlich an, dann sparen Sie Procain. Wenn eine Migräne kurz nach einem Beinbruch begann, dann ist natürlich die Narbe am Bein hochgradig störfeldverdächtig. Verdächtiger jedenfalls, als der Zahn, der erst lange nach Migränebeginn gezogen wurde. Fahnden Sie also zunächst nach zeitlichen Zusammenhängen. Allerdings kann man dabei in eine Falle tappen. Manch Störfeld wird erst als Zweitschlag, im teamwork mit einem anderen, bis dahin stillen Störfeld, zum Übeltäter. Beispiel: Die alte Gallennarbe hat jahrzehntelang keinen Kummer bereitet. Sie war zwar Störfeld, aber unterschwellig. Sie hat immer nur den 999ten Impuls geschickt, der noch nicht reichte. Und nun kommt der linke letzte Backenzahn mit einer Wurzelbehandlung hinzu. Er schickt den tausendundeinsten. Und schon haben wir die Periarthritis humeroskapularis, die steife Schulter, die ja nun ihrerseits munter ihre Schmerzimpulse weiterfeuert. Als kreisende Erregung lodert nun ein synaptisches Feuerwerk. Der Zahn ist natürlich dringend verdächtig - und auch schnell geortet und ausgeschaltet. Aber die alte Gallennarbe ist nun mobilisiert, und jetzt heißt es, auch sie zu erkennen und zu entschärfen. Die zweite Peilung zielt auf die topografische Zuordnung. Ein potentielles Störfeld, das im zugehörigen Segment des er erkrankten Organs liegt, schiebt sich immer in den Vordergrund des Verdachtes, auch wenn der segmentale Zusammenhang nicht zwingend gegeben sein muß. Lassen Sie mich hier daran erinnern, daß Hautsegmente, Unterhautzellgewebssegrnente, Muskelsegmente, Periostsegmente und Organsegmente sich nicht immer topografisch decken. Das gestörte Periost in der Tiefe kann sehr wohl einem anderen Segment zugehören, als die darüberliegende Hautnarbe. Auch sind die oberflächlichen Segmentzonen nicht scharf gegeneinander abgegrenzt, sie überlappen sich, weil sie in der Regel aus mehreren Rückenmarkssegmenten versorgt werden. Klammern Sie sich darurn nicht zu sehr an die hübschen Zebramännchen aus den Head'schen Zonentafeln einiger Lehrbücher. Halten Sie sich besser an die groben Gebietszuordnungen, wie Sie sie im Dosch finden. Richten Sie dabei besonderes Augenmerk auf die Halswirbelsäulen-, Nacken- und Rückenpartie, die segmental mit den besonders anfälligen Organen im Thorax und Oberbauch korrespondiert. Gallenkoliken ohne Steinverschluß, pectanginöse Schmerzen ohne Cholesterinpfropf, Nierenspasmen ohne organische Veränderung.... Das alles ist doch nichts anderes, als die Folge sinnloser, überschießender exzitatorischer Aktionspotentiale am Erfolgsorgan. Und was tut die moderne Pharmakotherapie? Sie hemmt diese Potentiale mit Betablockern an den postsynaptischen Rezeptoren oder mit Calciumantagonisten an der motorischen Endplatte. Aber nicht etwa selektiv am gestörten Organ, noch weniger selektiv an der Quelle der störenden Impulse, dem Störfeld, sondern grobschlächtig im gesamten Neuronennetz, von der Großzehe bis zum Großhirn. Da lob' ich mir doch die gezielte Kunst des Neuraltherapeuten. Segmenttherapie
Segmenttherapie muß auch nicht unbedingt mit der Procain-Spritze
erfolgen. Jede Wärme- oder Kälteanwendung, Bestrahlung, Einreibung,
Reiztherapie
Da, wo wir mit weniger Aufwand und Risiko den gleichen Effekt erzielen können, sollten wir den bescheideneren Weg gehen. Es zeugt von mehr Kunstfertigkeit, wenn wir mit einer halben Ampulle Procain ein Störfeld treffen, als wenn wir massiv und simpel wie Pseudoanaesthesisten eine Leitungsbahn unterbrechen. Procain
Aber möglicherweise handelt es sich bei der Warnung vor der Procain-Allergie auch nur um die sinnlose synaptische Entgleisung eines Störfeldes. Dann allerdings sollten wir es - wie eben gelernt - gezielt ausschalten! |
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